Kampf gegen kalkuliertes Versagen

Unternehmensbesuch: Grünen-Landeschef Tarek Al-Wazir lobt Prüfsiegel von HTV / Ehrliche Produktphilosophie fördern

Von BA Mitarbeiter
Thomas Tritsch
BENSHEIM. Als die grüne Verbraucherschützerin Nicole Maisch im Juni vor dem Parlament eine Rede gegen das systematische Kaputtgehen von Produkten hielt, hatte man in Bensheim schon das dritte Unternehmen im Boot. Das ebenso simple wie innovative Prüfsiegel der Firma HTV, das eine ehrliche Herstellerphilosophie fördern soll, stößt auch bei Tarek Al-Wazir auf großes Interesse: „Eine Bauweise mit Sollbruchstellen ist purer Nepp.“

Allein in puncto Ressourcenverbrauch sei eine eingebaute Haltbarkeitsbeschränkung nicht tragbar. „Wir müssen das abstellen“, so der Landesvorsitzende und Spitzenkandidat für die Wahl am übernächsten Sonntag (22.). Die Halbleiter-Test- und Vertriebs GmbH war ihm sympathisch. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit. „Sie haben was, sie können es“, sagte Firmengründer Edbill Grote zur Begrüßung.

Grassierende Wegwerfmentalität
Doch den Nerv des hessischen Obergrünen traf der Gastgeber nicht (nur) mit persönlichem Lob, sondern mit der Motivation, etwas gegen die grassierende Wegwerfmentalität zu unternehmen: „Das ist nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer Schwachsinn“, so Grote über die verbreitete Unsitte von Konsumgüterherstellern, ihre Geräte mit einer klar begrenzten Lebensdauer auszustatten. Waschmaschinen, Staubsauger und Telefone, aber auch Kleidung und Schuhe seien oftmals so gebaut, dass sie zeitig den Geist aufgeben und im schlimmsten Fall nicht mal mehr zu reparieren sind. „Geplante Obsoleszenz“ heißt das – ein wenig verklärend – im Fachjargon. Tarek Al-Wazir kennt das Problem: „Wenn man einen Akku nicht austauschen kann, muss man gezwungenermaßen das ganze Gerät wegschmeißen.“ Tonnenweise landet dann europäischer Elektroschrott in Entwicklungsländern wie Ghana, wo Kinder auf den Deponien nach verwertbaren Materialien stöbern – und davon krank werden. „Das ist unser Müll“, so Edbill Grote, der sich darüber mit seinem Geschäftspartner Thilo Tröller konstruktiv aufgeregt und ein neues Prüfsiegel erfunden hat. Die Idee dahinter: Durch eine freiwillige Kontrolle, die HTV auf Anfrage durchführt, kann ein Hersteller mit offenen Karten spielen und eine weiße Weste beweisen, die ihn von den schwarzen Schafen unterscheidet. Für den Endkunden ein Kennzeichen für ehrliche Qualitätsarbeit, das die Kaufentscheidung beeinflussen kann. Für die Unternehmen daher auch ein attraktives Marketinginstrument. „Sie können zeigen, dass sie nichts zu verbergen haben“, so Grote, der vom Erfolg des „HTV Life“-Prüfzertifikats überzeugt ist.

Ausgetüftelte Schwachstellen
Im Unternehmen schaute sich Al-Wazir am Freitag genauer an, wie die Bensheimer Chip-Tester die Produkte auf Herz und Nieren untersuchen: Langzeitbelastungsproben, Fehleranalysen und Alterungsuntersuchungen mit modernstem Equipment. Die HTV-Ingenieure entdecken jedes kalkulierte Versagen, das durch zum Teil minuziös ausgetüftelte Schwachstellen verursacht wird. Nicht bei jedem Gerät sind solche Glasknochen verbaut, aber doch bei etlichen, versichert der Hausherr. „Um alles zu finden, ist eine Menge Ingenieurswissen erforderlich“, ergänzt Technik-Chef Holger Krumme. Ein von den Grünen in Auftrag gegebenes Gutachten hatte vor einigen Monaten anhand vieler Beispiele gezeigt, dass hinter dem frühen Aus System steckt, so Tarek Al-Wazir, der ohne die angekündigte Nicole Maisch (krank), dafür aber mit dem Bergsträßer Landtagskandidaten Jochen Ruoff und der Bensheimer GLB-Chefin Doris Sterzelmaier zwei Stunden lang vor Ort war. Ein anderes Thema, das Edbill Grotes unternehmerisches Selbstverständnis ärgert, ist der Abzug von Know-how nach Fernost. Die Politik müsse dies verhindern statt fördern, sagte er. „Das kostet nicht nur wertvolles Wissen, sondern auch Arbeitsplätze in Deutschland und Europa.“ Im Kontext der wirtschaftlichen Beziehungen zu China – Deutschland ist größter europäischer Handelspartner – müsse man aufpassen, dass der ohnehin schon beschädigte Qualitätsbegriff „made in Germany“ nicht noch stärker verwässert wird.

190 verschiedene Modelle
Der Grüne hörte fleißig zu, intervenierte aber bei Grotes Anmerkung,
dass dessen solider alter Kühlschrank nach wie vor hervorragend funktioniere. „Lassen Sie ihn bitte nicht ständig am Netz“, kommentierte er hinsichtlich des hohen Energieverbrauchs. Ist er auch nicht, aber er läuft tadellos weil ohne Sollbruchstelle. Derzeit nimmt HTV die Telefone von Gigaset auseinander. Der Münchner Telekommunikationskonzern ist der dritte große Kunde der Bensheimer – nach TechniSat und dem Elektronikdienstleister TQ-Systems. An der Robert-Bosch-Straße werden 190 verschiedene Modelle getestet. Das reicht vom einhundert Mal wiederholten Härtefall auf Steinboden aus 1,50 Metern Höhe bis zum Röntgenblick unterm Elektronenmikroskop. Ganz nebenbei erläuterte Edbill Grote auch die Schwachstelle eines allseits bekannten Smartphones. Könnte sein, dass mancher der Anwesenden in Zukunft etwas sparsamer auf seinem Handy herumdrückt.

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